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Die Angst, die einen am Leben hindert

Ich möchte euch eine kleine Story aus meinem Leben erzählen. Dafür muss ich erst ein wenig ausholen. Wie ihr wisst, bin ich jemand der immerzu alles vor sich herschiebt, bis es irgendwann zu spät ist. Die Angst zu versagen war immer groß. Die Panikattacken die mit der Zeit kamen nicht zu vergessen. Ich habe lange gebraucht mir das einzugestehen und offen darüber zu reden. Wie ihr wisst hat es mich bis dahin einiges gekostet. Unter anderem, mein Studium. Und um das habe ich Monate mit mir und der Unileitung gekämpft, um es doch noch zu Ende bringen zu können. Mit fast allen Mitteln. Es war ein aussichtsloser Kampf mit doch kleinen Hoffnungsschimmern. Doch  am Ende hab ich ihn doch verloren.

Wie erzählt man seinen Eltern, seiner Schwester, seinen Freunden und den Menschen um einem herum von seinem Versagen es nicht geschafft zu haben? Ich musste mir bis dahin nie solch eine Frage stellen. Ich habe doch bisher alles auf Anhieb geschafft. Habe mich durch die Hauptschule, durch die Realschule und das Abitur gekämpft. Eine Ausbildung abgeschlossen. Manch einer würde den Hut vor der Leistung ziehen und sagen, dass ich stolz darauf sein kann was ich bisher erreicht habe. Nur in dem Moment in dem einem das Leben total aus der Hand gleitet, da denkt man nicht an solche Dinge. Da denkt man nur an sein eigenes Versagen und wirft sich Dinge an den Kopf die man später vielleicht bereut. Doch das ist einem in diesem Moment völlig egal. Denn man sagt sich in diesem Moment auch, dass man es nicht anders verdient hat und gleitet immer weiter die Abwärtsspirale hinab. Für viele mag diese Situation nicht der Rede Wert sein, da es schlimmeres auf der Welt gibt, doch für mich war es in diesem Moment das Schlimmste, was mir passieren konnte.

Meinen Eltern habe ich es gesagt, als sie mich kurz nach meiner endgültig nicht bestandener Klausur darauf angesprochen haben. Ihr wisst ja ich schiebe gerne Dinge hinaus, denn eigentlich wollte ich damit warten bis es sicher war, dass ich nicht mehr weiter studieren darf. Da Eltern, Eltern sind, wissen Eltern ja schnell, dass etwas mit einem nicht stimmt. Klar waren sie enttäuscht, doch am meisten enttäuscht waren sie darüber, dass ich ihnen nicht früher von meinen Problemen erzählt habe. Heute weiß ich, dass ich Ihnen damit sehr großen Kummer bereitet habe. Sie begleiteten mich durch den langen Kampf um mein Studium und standen in dieser schwierigen Lebensphase immer hinter mir.

Was macht man wenn man den Glauben an sich verloren hat? Wenn man das Gefühl hat, man fällt und fällt und fällt und kein Ende in Sicht ist? Klar, die einen sagen, steh auf wenn du am Boden bist. Und die anderen versuchen es mit, das Leben geht immer irgendwie weiter. Doch das hilft einem im ersten Moment überhaupt nicht. Denn es ist ein langer Prozess um wieder an sich Glauben zu können. Das Selbstvertrauten und das Selbstbewusstsein in sich zu stärken. Manchmal geht es einen Schritt vorwärts, um dann gleich wieder zwei Schritte zurück zu gehen.

Mir haben die Gespräche mit meinem Psychologen und meinen Leuten um mich herum sehr geholfen. Vor allem über Dinge, die ich schon erreicht hatte. Denn auf diese Dinge kann ich stolz sein. Ich hab ja schon viel erreicht. Ich habe lange gebraucht, bis ich das realisiert habe.

Reden, reden, reden. Etwas, dass ich jahrelang nicht gemacht habe. Ich muss mich zu solchen Dingen zwingen und ich muss meine Ängste und meine Grenzen überschreiten um in meinem Leben vorwärtszukommen. Denn nichts ist schlimmer als stehen zu bleiben und nichts zu tun. Es kann nicht so weitergehen wie bisher. Denn ich wollte etwas aus meinem Leben machen.

Während dieser Phase hat mich mein Vater darauf angesprochen, warum ich denn nicht meinen Traum von Neuseeland erfüllen möchte. Mich selbst erstmal zu finden und mich auszuleben. Hier hält mich ja nichts mehr. Kein Studium, kein Job und keine anderen Verpflichtungen. Diesen Traum hatte ich schon aufgegeben und vergessen gehabt. Doch dieses kleine Fünkchen von Traum weckte in mir wieder eine Lebensfreude, welche ich schon lange nicht mehr gespürt habe.

Als ich am 18. Dezember den Bescheid bekommen habe, dass ich zum 31. März 2014 exmatrikuliert werde, habe ich noch am gleichen Tag mein Visum für Neuseeland beantragt. Um sogleich einen Flug nach Neuseeland zu buchen.

Dies war der erste kleine Schritt um mich meinen Ängsten zu stellen. Der erste Schritt über eine Grenze hinaus, die mir bisher immer Angst gemacht hat. Alleine in ein fremdes Land zu reisen.

Alleine zu sein.

Meine Grenzen überschreiten. Mich meinen Ängsten stellen.

So haben mich diese kleinen Schritte bis nach Neuseeland gebracht. An den entferntesten Ort den man sich vorstellen kann.

Dort habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Couchsurfing gemacht, bin mit wildfremden Menschen in einem Auto mitgefahren und habe mit wildfremden Leuten gecampt. Habe mit ihnen gekocht und am Lagerfeuer das Leben genossen. Bin aus einem Flugzeug gesprungen und habe Robbenbabys beim spielen zugeschaut, während ich mit dem Kayak an ihnen vorbei paddelte. Habe Pinguine, Seelöwen und Delfine in ihrem Reich beobachten können. Habe zum ersten Mal einen Kite auf einem kilometerlangen Strand gesteuert. Habe Tage mit den interessantesten und tollsten Menschen aus aller Welt in einem Hostel verbracht, während es draußen stürmte. Bin zum ersten Mal in einem Fitnessstudio überhaupt gewesen, um mir danach ein gesundes und nahrhaftes Essen zu kochen. Bin tagelang alleine mit schwerem Gepäck durch die Berge gewandert, nur um herauszufinden ob ich es schaffen kann.

Jeder neue Tag ist eine neue Herausforderung für mich. Jeden Tag gilt es, sich seinen eigenen Ängsten zu stellen und seine Grenzen neu auszuloten.

Jeder noch so kleine Schritt nach vorne ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Ihr seht, wenn man an sich glaubt und Freude an den kleinen Dingen entwickelt, schaut die Welt schon nicht mehr so dunkel aus. Denn es ist nicht alles so düster wie es am Anfang scheint.

So sitze ich nun hier in Neuseeland und denke lächelnd über mein Leben nach.

Ich bin stolz auf das was ich bisher in meinem Leben erreicht habe und freue mich auf meine zukünftigen Herausforderungen und schaue ihnen frohen Mutes entgegen.

Danke dass ihr für mich da seid.

Euer Sven

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